Sa, 4.4.2026
WdH 58 Von Bergweiler nach St. Wendel
Zusammenfassung: Der Morgen ist nass, aber warm, so dass ich zum ersten Mal ohne Handschuhe loslaufen kann. Es ist grau und die Wolken hängen tief, später zeigen sich aber auch blaue Fenster. Irgendwann erreiche ich Marpingen, wo ich Kaffee trinke und über das Thema Mut nachdenke, über das ich gestern auch mit Oliver gesprochen habe. Hieran mangelt es in Deutschland auf jeden Fall! Politiker sind nicht mutig genug entscheidende Reformen zu wagen, weil sie Angst haben, Stimmen zu verlieren und die Bürger wären wahrscheinlich auch nicht bereit, ihre Rentenversicherung, deren langfristiger Weiterbestand unter den gegebenen Umständen keinesfalls sicher ist, gegen ein solideres kapitalgedecktes System einzutauschen, was natürlich, aber auch mehr Risiken birgt. Schließlich erreiche ich Sankt Wendel, wo ich mir erst mal die Haare schneiden lasse und dabei mit Mahmud ins Gespräch komme. Einem Syrer, der vor neun Jahren hierhergekommen ist und eine regelrechte Erfolgsgeschichte erlebt hat, die darin gipfelt, dass er mittlerweile einen eigenen Salon hat und deutscher Staatsbürger ist. Mahmud gibt aber auch zu, dass es durchaus Landsleute gibt, die sich vom deutschen Sozialstaat unterhalten lassen. Schließlich checke ich in einem Hotel ein, wo ich Wäsche wasche und mich dusche. Luxus schmeckt umso süßer, je länger man ihn entbehrt hat!
Die Nacht ist ziemlich warm und es regnet. Das hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass sich braune Nacktschnecken überall bei mir anheften, sogar in den Schuhen, echt eklig!
Schließlich baue ich im leichten Regen mein Zelt ab und laufe ein Stück querfeldein durch den Wald, bevor ich nach Bergweiler gelangen. Ich laufe durch den Ort und gelange dann in den Wald. Dort stoße ich schon bald auf das Heiligenhäuschen, eine Marienkapelle. Es gibt dort Wasser und man kann überdacht sitzen. Perfekt! Da ich heute Morgen noch nicht gefrühstückt habe, weil ich gestern versäumt hatte, in dem Restaurant noch mal mein Wasser aufzufüllen und danach nichts mehr kam. So esse ich erst mal mein Müsli mit dem Rest meiner Schokocreme und laufe dann weiter in den grauen Tag, mit tief hängenden Wolken und ständigem, leichten Nieseln.
Durch die offene Landschaft wandere ich bis an den Rand von Sotzweiler wo ist dann in den Entscheider Wald geht.
Dies ist ein schönes Waldgebiet mit vielen Eichen und Buchen, wo mit der Feuchtigkeit das frische Grün des Frühlings wie gewaschen aussieht.
Über die offene Flur erreiche ich Marpingen. Während ich durch den Ort gehe, denke ich über ein Thema nach, über das ich gestern mit Oliver gesprochen habe: Mut und wie wichtig diese Tugend ist. Leider scheint Mut in Deutschland nicht besonders verbreitet zu sein. Das fängt bei den Schildern an die vor einer Gefahr warnen, wenn ein Wanderweg eine Straße quert. Dabei sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass man an einer Straße darauf achtet, nicht vom Verkehr überrollt zu werden. Aber nein, es muss ein Schild gestellt werden, und so setzt sich das über Verkehrssicherungsmaßnahmen im Wald bis zu irgendwelche Protokollen in Schulen und Kindergärten fort. Niemand ist offensichtlich mehr bereit, irgendein Risiko einzugehen. Das gilt offenbar auch ganz besonders für die Politik. Der letzte Politiker in Deutschland, der wohl tatsächlich eine Politik durchgesetzt hat, die zu der Zeit vielleicht sinnvoll war, aber ihn seine Wiederwahl gekostet hat, war Gerhard Schröder und das ist schon über 20 Jahre her. Seitdem hat man das Gefühl, dass Politiker, egal welche Entscheidung, nicht mehr bereit sind sie zu fällen, weil sie fürchten Wählerstimmen zu verlieren oder gar nicht mehr gewählt zu werden. Diesen Teufelskreis gilt es unbedingt zu durchbrechen. Ein Bestandteil davon wäre, die Wählbarkeit einer Regierung auf eine Amtsperiode zu beschränken, diese dafür aber zu verlängern, um mehr Zeit für langfristiges Handeln zu haben. Vielleicht brauchen wir aber auch in unserer Demokratie tatsächlich Elemente eines Präsidialsystems wie in Frankreich oder den USA.
Auch für den einzelnen Bürger ist Mut erforderlich, wenn wie dringend notwendig, die derzeitige Rentenversicherung auf ein System umgestellt wird, das auf der Anlage des Kapitals basiert. Natürlich sind damit Risiken verbunden, aber wo kein Risiko da keine Gewinnchance!
Aber zu glauben, wie viele es offenbar tun, dass man mit einfach so weiter wir uns irgendwie durchwursteln ist reine Illusion! Heute gilt wahrscheinlich mehr als je zuvor, dass die Ablehnung von Veränderung zu einem tiefgehendem wirtschaftlichen und gesellschaftlichem Abstieg führt!
In Marpingen trinke ich erst mal im Edeka Kaffee, bevor ich weiter laufe.
Vor dem Laden stehen Männer und verteilen Ostereier. Natürlich nehme ich auch gerne eines und merke erst beim Pellen, dass die CDU mir frohe Ostern wünscht, okay aber ehrlich gesagt, hätte ich das Ei natürlich auch genommen, wenn ich gewusst hätte, dass es von dieser Partei kommt…
Schließlich erreiche ich den Härtelwald am Ortsrand. Hier gibt es eine weitere Marienkapelle und ein Kreuzweg führt nach oben zu einer Andachtstätte. Offenbar hat es hier im 19. Jahrhundert bereits Marienerscheinungen und Wunderheilungen gegeben. Daher ist Marpingen offenbar bis heute ein bekannter Wallfahrtsort. Immerhin hat eine Toilette dort geöffnet, was in Deutschland die Ausnahme ist. Meistens sind die Klos an solchen Orten nämlich verschlossen.
Bald gelange ich aus dem Wald und folge asphaltierten Wegen über einen Höhenrücken, der viele Ausblicke in die Umgebung zulässt. Jetzt gibt es sogar schon kleine Fensterchen blauen Himmels. Ich erreiche den Marpinger Ortsteil Rheinstraße.
Dann geht es einige Zeit durch ein Waldgebiet, wo hauptsächlich Laubbäume wachsen. Anschließend laufe ich am Rand eines großen Golfplatzes und gelange dann nach St. Wendel. Hier lasse ich mir erst einmal die Haare schneiden, Maschinenschnitt ganz kurz, und unterhalte mich dabei mit Mahmud. Er ist vor neun Jahren aus Syrien gekommen, hat gleich einen Job gefunden als Friseur, die deutsche Sprache erlernt, seinen Meister gemacht, ist seit zwei Jahren deutscher Staatsbürger und hat jetzt einen eigenen Friseursalon. Eine echte Erfolgsgeschichte des 41-jährigen! Allerdings sagt er, wenn er ohne seine Familie wäre, die inzwischen schon hier verwurzelt ist, würde er jetzt zurück nach Syrien gehen. Ebenso würde er viele andere kennen, die diesen Schritt mittlerweile gemacht haben. Er sagt aber auch, dass er Landsleute kennt, die es in Deutschland nicht geschafft haben, die die Sprache nicht gelernt haben, keinen Job haben und sich auf staatlicher Unterstützung ausruhen. Es wäre ja auch komisch, wenn es das nicht geben würde! Allerdings müsste dann hier tatsächlich der deutsche Staat einsetzen und dafür sorgen, dass diese Leute in die ursprüngliche Heimat zurückkehren. Frisch geschoren, gehe ich zum Domhotel, wo ich eine Übernachtung gebucht habe. Bald gehe ich noch einkaufen, wasche dann ein paar Sachen, dusche und relaxe. Wie gut das tut! Mit Oliver hatte ich mich auch gestern über das Thema unterhalten, wie viel angenehmer Luxus wirkt, nachdem man ihn eine Zeit lang entbehrt hat. Ich habe ihm gesagt, dass er so vielleicht auch seine Frau mal zum Übernachten im Wald kriegt, die das ansonsten ziemlich ablehnt. Aber wenn sie weiß, dass sie hinterher weiches Bett und warme Dusche umso mehr genießen kann, vielleicht ist sie ja doch zu diesem kleinen Abenteuer bereit?














































