5.2.2026
Wandertag 1
Von Angermünde nach Vietmannsdorf
9:46, 47,1 km, 467 hm Aufstieg, 448 hm Abstieg
Nach einer geruhsamen Nacht in der Ferienwohnung frühstücke ich morgens noch gemütlich und gehe dann gegen 8:00 Uhr zum Bahnhof. Es ist kalt und bedeckt und regnet etwas, wobei sich der Regen sofort in Eis verwandelt. Am Bahnhof hole ich Christina Linke ab, die sich schon frühzeitig mit mir in Verbindung gesetzt hatte, um einige Kilometer am mitzulaufen. Während wir aus Angermünde hinaus wandern, erzählt mir Christina bereits viel über sich: Die 39-jährige sympathische Frau wuchs als eines von zwei Geschwistern in einer Arbeiterfamilie in Duisburg auf. Nach dem Abitur studierte sie Verfahrenstechnik in der Lebensmittelindustrie und arbeitete danach unter anderem in einem großen Unternehmen in Singapur. Schon früh hatte sie auch ihre Liebe für das draußen unterwegs sein und Reisen entdeckt. So absolvierte sie ein Studiensemester in Norwegen, reiste und arbeitete in Australien und bestieg während ihres Singapur Aufenthalts, den höchsten Berg von Borneo. Außerdem gilt ihre große Leidenschaft dem Meer, für dessen Schutz und Erforschung sie sich einsetzen möchte. Sie konnte sich vorstellen, auf einem Forschungsschiff oder einer Forschungsstation in der Arktis oder Antarktis zu arbeiten. Tatsächlich lernte sie auf einer Konferenz aber eine andere Frau kennen, die schon seit Jahren in Forschungsvorhaben zum Thema umweltfreundlicher Schiffsanstriche arbeitet. Tatsächlich sind herkömmliche Schiffsanstriche, die in erster Linie dazu dienen, zu verhindern, dass sich Muscheln, Algen und andere Organismen festsetzen, sehr giftig, mit vielen negativen Folgen für die Meeresökosysteme. Dagegen versprach die neue Technologie, bei der Polymere mit Keramik verbunden werden, nicht nur umweltverträglich zu sein, sondern durch geringere Rauhigkeit auch zu erheblicher Treibstoffeinsparung zu führen. Da die Technik in Versuchen gut wirkte und es schon Anfragen für eine kommerzielle Nutzung gab, beschlossen die beiden Frauen eine Firma zu gründen, um die neue nachhaltige Technologie auf den Markt zu bringen. Da Frauen nur 2 % aller Startups gründen, bedeutete das für Christina und ihre Partnerin, dass es nicht gerade einfach für sie war, Investoren zu finden. Nicht zuletzt brachte die COVID-19 Epidemie, die im selben Jahr begann, als sie ihre Firma gründeten ernst zunehmende Hindernisse. Als sie schon dachten, es geschafft zu haben, löste sich die Beschichtung bei einem Schiff wieder ab, da die falsche Farbe als Unterlage verwendet worden war. Nichtsdestotrotz haben sie Ihr Produkt jetzt schon einige Male verkauft. Und tatsächlich sind die Reeder, deren Schiffe damit unterwegs sind, hochzufrieden. Dennoch gibt es laut Christina immer noch genügend Risiken bevor sie die Produktion stark erweitern können. Nach wie vor sind sie auf Risikokapital angewiesen, und es ist immer noch möglich, dass ihre Firma Clean Ocean Coatings insolvent geht, bevor der große Durchbruch erreicht ist. Tatsächlich arbeitet Christina für ein vergleichsweise geringes Gehalt als Gründerin und steht voll im Risiko ob denn ihr Traum tatsächlich Wirklichkeit wird. Falls ja, woran sie natürlich glaubt, könnte daraus eines Tages eine neue BASF entstehen, denn ihr Verfahren ist potentiell nicht nur für Schiffe interessant, sondern beispielsweise auch für Fassadenanstriche. Macht das nicht Hoffnung? Eine neue Technik, die sowohl umweltfreundlich ist, finanzielle Vorteile für die Schiffseigner bietet und das Potenzial für einen internationalen Bestseller hat!
Aber neben dem Unternehmen, das sie aufbaut, hat Christina weitere Träume: So möchte sie am Liebsten mal eine richtig lange Fernwanderung unternehmen, im Idealfall ein halbes Jahr lang. Tatsächlich ist sie bereits den bekannten GR 20 auf Korsika und Teile des Lara Pinta Trails in Australien gewandert.
Unser Weg ist ziemlich abwechslungsreich. So laufen wir auf schmalen Pfaden am Ufer des vereisten Wolletzsees
entlang und bestaunen eine große Buche, die von Bibern angeknabbert wurde. Schließlich erreichen wir den Ort Wolletz nach etwa 12 km, von wo Christina mit dem Bus zurückfahren will. Zwischenzeitlich war der Regen so heftig geworden, dass ich mir die Regenjacke über meine Daunenjacke gezogen habe. Ein Stück geht es durch eine weite, offene Landschaft, bevor ich in ein großes Waldgebiet eintauche. Der märkische Landweg, dem ich folge, ist gut mit einem blauen X markiert. Meistens verläuft er über breite Waldwege. Dabei ist die Landschaft hier leicht hügelig und nicht so flach, wie man sich das in Brandenburg vielleicht vorstellt. Neben den allgegenwärtigen Kiefern, wandere ich zum Teil auch durch Laubwald, überwiegend aus Buchen bestehend. Einmal höre ich es im Laub laut krachen, dann überquert ein Rudel von vielleicht 20 Rothirschen , die teilweise beeindruckende Geweih tragen, den Weg vor mir. Den ganzen Tag ist es grau und ungemütlich. Vor dem Ort Peetzig komme ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch, das mit ihrem Hund auf einen Spaziergang gehen will. Die Frau hat sich Microspikes unter die Schuhe geschnallt, keine schlechte Idee bei der Glätte! Sie erzählen, dass sie vor 20 Jahren in das 60 Einwohner Dorf gezogen sind und die Ruhe hier lieben. Die Wälder der Umgebung gehören der Adelsfamilie von Oettingen Spielberg, die in Bayern ansässig ist. Leider sind wahrscheinlich durch zu starken Holzeinschlag, fast alle großen Buchen aus deren Wald in den letzten Jahrzehnten verschwunden, so erzählen die beiden. Die Jagd spielt hier eine große Rolle, Hochsitze sind allgegenwärtig. Schließlich führt mich ein Tunnel unter der A 11 hindurch, und ich erreiche einige Zeit später das Örtchen Poratz. Kein Mensch ist hier auf der Straße zu sehen, dafür bellen viele Hunde. Eine Tafel weist auf die seltenen Schreiadler hin, die hier in den einsamen Wäldern brüten. Hinter dem Ort folge ich eine einige Kilometer einer der für die Gegend typischen Pflasterstraßen. Bis nach Ringenwalde begegnet mir kein einziges Auto.
Der Ort, den ich schon von einem Besuch im Jahr 2023 kenne, ist recht hübsch für meinen Geschmack, es gibt hier sogar eine Ferienwohnung und eine Fremdenverkehrsinformation. Der Gasthof ist allerdings gerade geschlossen. Als im Wald Motorsägen kreischen, wundere ich mich schon, dass kein Harvester die relativ dünnen Kiefern durchforstet. Tatsächlich begegne ich ein Stück weiter der großen Maschine, aber die Rückgassen hier sind im 40 m Abstand angelegt, so dass Arbeiter mit der Motorsäge in den Bereichen, die nicht vom Kran des Harvesters erreicht werden können, die Bäume fällen. 40 m Rückegassenabstand bedeutet eine Halbierung der Befahrung der Waldböden gegenüber den üblichen 20 m. Daher finde ich es sehr positiv, dass man in diesem eigentlich gut befahrbaren Gelände den Rückegassenabstand erweitert hat. Hinter dem Örtchen Libbesicke verlasse ich den Märkischen Landweg und laufe noch etwa 10 km auf einer eigenen Route weiter, um meinen Übernachtungsort für heute zu erreichen. Ich passiere den größeren Ort Gollin und laufe weiter durch den Wald, indem es zunehmend dunkler wird. Als ich schließlich gegen 18:00 Uhr Vietmannsdorf erreiche, ist es zwar bereits komplett dunkel, aber durch die leichte Schneedecke weniger finster als sonst. Der Besitzer des Landgasthofs Askanien wo ich gestern online die Übernachtung gebucht hatte, hat mich über Tag angerufen und mir verraten, wo ich den Schlüssel für das Gebäude und mein Zimmer finden kann. Alles funktioniert und ich kann mich in dem Zimmer einrichten und genieße warmen Tee, der den Gästen umsonst zur Verfügung steht. Das war mein erster Wandertag, der vor allem durch die Begegnung mit Christina und die große Einsamkeit der Uckermark geprägt war. Ein schöner Auftakt!




























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